Der Mensch steht im Mittelpunkt

Hartmuth Baumann spricht im Porzellanikon in Selb

"Der Wandel in der Arbeitswelt macht auch bei uns nicht Halt." Mit diesen Worten erklärte Elli Hirschmann, Vorsitzende des Selber DGB-Ortskartells, warum die Maikundgebung im Selber Porzellanikon heuer in neuem Gewand daherkam. Und das Konzept ging auf: Zur Podiumsdiskussion über das Thema Digitalisierung und Arbeit 4.0" waren zahlreiche Menschen gekommen. "Ich freue mich, vor vollem Haus reden zu dürfen", sagt Elli Hirschmann, und dann platzte es angesichts der zahlreichen Gäste aus ihr heraus: "Das ist ja irre."

Dagmar Köhler-Meinhardt IGBCE Nordostbayern

1.Mai 2018
03.05.2018
Artikel bewerten
Danke für die Bewertung
Ihre bereits abgegebene Bewertung wurde aktualisiert.

Das große Publikum wollte sich anhören, was es zu den Herausforderungen der Digitalisierung zu sagen gibt. In einem Impulsreferat erklärte der Gewerkschaftssekretär Hartmuth Baumann von der IG BCE, dass der Wandel der Arbeitswelt gerade für die Porzelliner nichts Neues sei. Die Digitalisierung sei die Antwort auf den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt. Ein Filmbeitrag zeigte dazu die Arbeit in einem produzierenden Betrieb, bei dem Mitarbeiter mit Virtual-Reality-Brillen die nächsten Montageschritte vor Augen geführt bekommen und Roboter ergonomisch ungünstige Tätigkeiten übernehmen.

Aufzuhalten sei der Wandel nicht. Es stelle sich aber die Frage nach einem vernünftigen Regelwerk, sagte Hartmuth Baumann, das die Menschen vor Überforderung schütze.

In dieselbe Kerbe hatte schon zuvor der stellvertretende Museumsleiter Wolfgang Schilling geschlagen. "Auch moderne Technik bleibt nur Technik - dahinter steht immer ein Mensch." Und dass der Mensch bei aller Entwicklung im Mittelpunkt stehen muss, unterstrichen auch die Teilnehmer der anschließend von ihm moderierten Diskussion.

So betonte etwa die ehemalige Grundschullehrerin und amtierende Bürgermeisterin Dorothea Schmid, dass man in Rathäusern und Amtsstuben heute schon vieles online erledigen könne. "Aber können Sie sich eine Trauzeremonie vorstellen, bei der Sie am Computer auf Ja klicken?" Den Menschen stärker in den Fokus nehmen müssten auch die Schulen: Man müsse Kinder lehren, mit den neuen Medien kompetent umzugehen. Eine Erfahrung, die auch die jungen Gäste der IG BCE-Jugend im Publikum bestätigten. Eine der Auszubildenden fragte, wie sie sich das lebenslange Lernen für die neuen Methoden und Techniken vorstellen könne: Werden Arbeitgeber auf die Mitarbeiter zugehen, oder müsse sich jeder in Selbstverantwortung fortbilden? "Wer hilft mir, dass ich nicht auf der Strecke bleibe?"

Das beantwortete Christine Feig-Kirschneck, DGB-Regionsvorsitzende und Betriebsrätin bei Netzsch Feinmahl-Technik: "Hilf dir selbst, so hilft dir Gott." Im Zweifel müssten die Arbeitnehmer für ihre Rechte eintreten - das auf Weiterbildung und Qualifizierung könne man auch in Tarifverträgen festschreiben, die in Zukunft damit umso wichtiger würden.

Tamara Pohl, Betriebsrätin bei der Frankenpost, schilderte beispielhaft am Beruf des Redakteurs, wie die neuen Techniken den Arbeitsalltag schon jetzt verändert haben. Die Arbeit entgrenze sich, der Feierabend verschwinde und dabei steige der Zeitdruck: Die Menschen hätten sich daran gewöhnt, Nachrichten in Echtzeit zu erhalten; es sei ein Spagat, hohe Geschwindigkeit gegen Sorgfalt aufzuwiegen.

Die Referentinnen - aber auch Teilnehmer aus dem Publikum - führten noch weitere Beispiele an, die verdeutlichten, dass die Gesellschaft zwar von der Digitalisierung profitieren könne. Für Einzelne aber dürften durch den Wegfall ganzer Berufsgruppen und den steinigen Weg durch die Qualifizierungsstufen existenzielle Gefahren entstehen. Hartmuth Baumann fasste zusammen: "Wir müssen menschenwürdige Bedingungen in einer hochtechnisierten Gesellschaft schaffen." Und das sei eine der Aufgaben der Gewerkschaften.

Nach oben