Chat mit Edeltraud Glänzer

Die Rente muss reichen

Im Live-Chat mit Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, stellten die Nutzer viele Fragen zum Thema Rente. Hauptthemen waren das Renteneintrittsalter, die Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus sowie die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge. Eine Auswahl der Fragen und Antworten findet sich im folgenden Chat-Protokoll.

Stefan Koch

Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE
08.09.2017

Edeltraud Glänzer
Herzlich Willkommen im Chat. Heute geht es um das Thema Rente. Ich freue mich auf ihre Fragen und interessante Diskussionen. 

Mathilda
Sehr geehrte Frau Glänzer, die große Renten-Kampagne der Gewerkschaften ist sicher niemandem entgangen. Wenn wir an die geringen Geburtenzahlen und die Überalterung der Gesellschaft denken, sollten wir jedoch nicht nur die heutigen oder baldigen Rentner im Auge haben, während die Jüngeren in einigen Jahrzehnten leer ausgehen. Daher meine Frage: Wo oder wie setzt sich die IG BCE denn für die Interessen der jüngeren Belegschaft ein?

Edeltraud Glänzer
Es ist ein wichtiger Punkt die Jüngeren und die Älteren im Blick zu behalten. Es geht auch um eine Akzeptanz für den Generationenvertrag. Deshalb sind wir auch nicht in einen Wettstreit um ein möglich hohes Rentenniveau eingetreten. Sondern unsere Forderungen erheben wir mit Augenmaß und Sachverstand.  Wir setzen uns ein für eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus auf heutigem Stand und dies bei angemessen Beitragssätzen. Der Vorschlag für ein Gesamtpaket vom Bundesarbeitsministerium bietet eine gute Basis und wir werden uns dafür stark machen, dass die neue Bundesregierung möglichst schnell sich für eine Umsetzung stark macht. Für die jüngere Generation setzen wir uns ebenfalls ein, beispielsweise durch unser Engagement für eine gute Ausbildung, geregelte Übernahme und sichere Perspektiven.

Ohne_Illusion
Wir jungen Menschen werden im Gegensatz zu unseren Eltern nicht mehr 40 Jahre im gleichen Job arbeiten können (Digitalisierung, Befristungen, etc.). Da wird's mit einer guten Rente richtig eng. Wie wollen das Gewerkschaften ändern, solange sie mit den Unternehmen kuschen?

Edeltraud Glänzer
Zunächst einmal ist wichtig, dass es bei der Rente nicht darauf ankommt, dass man 40 Jahre im gleichen Job oder bei dem gleichen Arbeitgeber arbeitet. Entscheidend ist, dass man eine lückenlose Erwerbsbiographie hat. Deshalb setzen wir uns auch dafür ein mehr Ordnung auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen, z.B. durch unser Engagement für Abschaffung oder Eindämmung von Leiharbeit und wir setzen uns dafür ein, dass sachgrundlose Befristungen abgeschafft werden. Wir wollen, dass alle Formen der Erwerbsarbeit versicherungspflichtig in der Rentenversicherung werden.

chemikant
"Rente muss reichen" - so so... Die Beiträge dürfen aber auch nicht weiter steigen, sage ich dazu. Wie wollt ihr garantieren, das beides gleichzeitig geht?

Edeltraud Glänzer
Diejenigen, die ein Leben lang hart gearbeitet haben, haben es verdient eine gute Rente zu bekommen. Wir setzen uns sehr dafür ein, das gegenwärtige Rentenniveau zu stabilisieren und dies bei angemessenen Beiträgen. Wir wollen, dass die Belastungen, die sich aus dem demographischen Wandel ergeben gerecht unter den Generationen verteilt werden, das bedeutet aber auch insbesondere für jüngere Menschen, dass lebensstandardsichernde Altersversorgung nur durch eine Kombination von gesetzlicher und betrieblicher Rente zu erreichen ist. Deshalb haben wir uns auch für eine Stärkung der betrieblichen Altersversorgung eingesetzt und sind sehr froh, dass der Bundestag ein entsprechendes Gesetz quasi in letzter Minute noch beschlossen hat und dieses am 1.1.2018 noch in Kraft tritt.

Kawarider
Was soll eine Betriebsrente, die in Auszahlungsphase voll besteuert und voll Krankenkassenpflichtig ist, bei den niedrigen Zinsen und der hohen Inflation bringen?

Edeltraud Glänzer
Wichtig ist, dass bei der Entgeltumwandlung in der Ansparphase die Beiträge steuer- und beitragsfrei sind. Ungerecht ist in der Tat, dass auf Betriebsrenten (also in der Rentenphase) der volle Beitragssatz zur Kranken- und Pflegeversicherung erhoben wird, d.h. von den Rentnern alleine gezahlt wird, das sind 19%. Das war bis 2004 anders, bis dahin wurde nur der hälftige Beitragssatz zur Kranken- und Pflegeversicherung erhoben. Leider ist es bei der kürzlich verabschiedeten Form der betrieblichen Altersversorgung nicht mehr gelungen, den Zustand bis 2004 wieder herzustellen. Wir werden uns natürlich weiter mit Nachdruck dafür einsetzen und unsere Forderungen auch der neuen Bundesregierung vortragen.

Georg M.
Müsste jeder normale Arbeiter eigentlich noch in eine private Rentenvorsorge investieren?

Edeltraud Glänzer
Wir wissen, dass es notwendig ist einerseits die gesetzliche Rente zu stärken und zu stabilisieren. Aber dies wird nicht reichen für eine lebensstandardsichernde Altersversorgung. Deshalb ist es wichtig vorzusorgen. Hierfür haben wir uns als IG BCE mit Blick auf Stärkung der betrieblichen Rente eingesetzt. Damit dies möglichst vielen Menschen zu Gute kommt haben wir uns bei dem Betriebsrentenstärkungssgesetz (das jetzt erfreulicherweise doch auf den Weg gebracht wurde) dafür eingesetzt, Riesterförderung auch für die betriebliche Altersvorsorge besser nutzbar zu machen.

Mary
Wieso macht es nach 35 Jahren Arbeit einen so enormen Unterschied, ob man als Frau, die 3 Kinder gekriegt hat, mit 65 oder 63 in Rente geht? Wenn Männer Kinder kriegen könnten, würde das alles anders aussehen! 

Edeltraud Glänzer
In der Tat ist es so, dass insbesondere Frauen stärker durch Altersarmut bedroht sind und das hat etwas mit der häufig nicht durchgängigen Erwerbsbiographie zu tun, deshalb war und ist es wichtig, dass beispielsweise Zeiten der Kindererziehung mit dem Rentenpaket 1 von 2014 besser anerkannt worden sind. Dies haben wir ausdrücklich unterstützt, problematisch ist allerdings, dass die Mittel hierfür aus dem Topf der Rentenversicherung (also aus Beitragsmitteln) genommen werden. Kindererziehung ebenso wie die Pflege von Angehörigen ist eine gesamtgesellschaftliche Leistung und sollte deshalb aus Steuermitteln finanziert werden.

Sven78
Ich Arbeite in der Chemie und ich sehe wie die Mitarbeiter ab 55 Jahre sich schon schwer tun die Arbeit auszuführen, grade die Schwer Körperliche mit Gasmaske und Anzug, wie sollen die Leute es schaffen bis zum 70 Lebensalter das alles zu schaffen? Grade weil keine Jungen Leute eingestellt werden teilweise bis die Alten in Rente sind.

Edeltraud Glänzer
Ja wir wissen um die Belastungen in den Unternehmen, die nicht abgenommen, sondern eher noch zugenommen haben. Und wir wissen, dass gerade diejenigen, die körperlich schwere Arbeit leisten oder diejenigen die in Vollkonti-Schicht tätig sind es schwer haben dies bis zum Alter von 67 Jahren durchzuhalten. Deshalb ist es zum einen wichtig, dass wir die Arbeitsbedingungen zum einen so gestalten, dass sie nicht krank machen. Wir brauchen mehr Gesundheitsförderung, wir brauchen mehr Prävention, damit wir alle gesund in die Rente gehen und diese lange genießen. Und es ist außerordentlich wichtig, dass wir uns weiter dafür einsetzen, dass es keine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze über das 67te Lebensjahr hinaus gibt.  

SBV
Meines Erachtens sollten die Abschläge auf Erwerbsminderungsrenten sofort abgeschafft werden. Nicht stufenweise bis 2024. Erwerbsminderungsrente sucht man sich nicht aus, sondern ist ein harter Schicksalsschlag!

Edeltraud Glänzer
Das sehen wir komplett genauso. Das haben wir auch in den letzten Jahren immer wieder eingebracht und gefordert. Wichtig ist, dass es bei der Erwerbsminderungsrente mit dem Rentenpaktet 1 Verbesserungen gegeben hat. Leider konnten wir unsere Forderungen nach Abschaffung der Rentenabschläge nicht durchsetzen. Wir werden aber auch hier dranbleiben und erwarten von der neuen Bundesregierung, dass sie hier schnellstens tätig wird.

marla
Selbst die Kanzlerin will keine Rente mit 70. Dann ist doch alles gut, oder?

Edeltraud Glänzer
Gut und wichtig ist, dass die Kanzlerin sich im Fernsehduell eindeutig positioniert hat. Besser und wichtiger wäre es aber gewesen, dieses Signal schon früher in ihre Partei zu geben - und nicht erst kurz vor der Wahl. Denn nicht nur aber auch der Finanzminister Schäuble hat die Rente mit 70 ins Spiel gebracht und es gibt durchaus auch jüngere CDU-Abgeordnete, die diese Forderung formulieren. Deshalb ist es wichtig, dass wir immer wieder deutlich machen: wir sind gegen eine weitere Erhöhung der Regelatersgrenze von 67 Jahren. 

Joni
Wie hoch ist die Durchschnitts-Rente in Deutschland? 

Edeltraud Glänzer
Für Durchschnittverdiener, die 45 Versicherungsjahre haben liegt der Wert aktuell bei ca. 1.200 €. Über alle Beschäftigten liegt die Durchschnittrente bei ca. 900 €. Brutto, wohlgemerkt!

Bürger
Wäre nicht eine Bürgerversicherung besser? Wie in der Schweiz, wo Beamte und Abgeordnete auch einzahlen müssen.

Edeltraud Glänzer
Ein klares Ja dafür, dass alle Formen der Erwerbstätigkeit versicherungspflichtig in der gesetzlichen Rentenversicherung werden. In einem ersten Schritt sollten dringend die Selbständigen einbezogen werden.

Alexandra Agnau
Frau Glänzer, sind Sie der Meinung dass die SPD erste Ansprechpartnerin für Gewerkschaften sein soll, auch in Rentenfragen? Bei welchen Parteien zeigen sich in diesem Wahlkampf die meisten Überschneidungen mit Gewerkschaftspositionen?

Edeltraud Glänzer
Natürlich ist es vor der Wahl wichtig zu schauen, was die einzelnen Parteien in ihren Programmen zum Thema Rente aufgeführt haben. Dann gibt es in der Tat die meisten Schnittmengen nicht nur aber auch beim Thema Rente mit der SPD. Von der CDU hätten wir uns gewünscht sich nicht nur im Fernsehduell zu positionieren und dort auch nur zu einem Aspekt und klare Kante beim Thema Rente zu zeigen. Stattdessen will die CDU eine Rentenkommission einrichten und das heißt für uns dass das Thema auf die lange Bank geschoben wird.

Andreas
warum wird eigentlich nicht das Arbeitslosengeld, was wir auch Jahre eingezahlt haben, nicht bei der Rente mit angerechnet. Also, Rente + Arbeitslosengeld = Leben

Edeltraud Glänzer
Leider hat die schwarz-gelbe Bundesregierung unter der Verantwortung der damaligen Bundesarbeitsministerin von der Leyen die Beiträge für Zeiten der Arbeitslosigkeit abgeschafft. Wir setzen uns dafür ein, dass auch zukünftig für Zeiten der Arbeitslosigkeit wieder Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt werden und dadurch auch Rentenansprüche aufgebaut werden. Dies ist nicht zuletzt ein wichtiger Beitrag für eine lückenlose Versicherungsbiographie. Das ist mehr als gerecht.

Anton
Aber wie soll das Rentenalter bei 67 Jahren fix bleiben, wenn wir alle älter werden? Ist es nicht logisch, dass dann auch das Rentenalter weiterhin analog steigen muss? 

Edeltraud Glänzer
Ja die demographische Entwicklung ist eine große Herausforderung. Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Renteneintrittsalter stabil zu halten. Wir müssen insbesondere für gesicherte Beschäftigungsverhältnisse sorgen, außerdem bei der Förderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter vorankommen und damit der Erwerbstätigkeit von Eltern unterstützen. Außerdem wollen wir, dass auch die Selbständigen zukünftig in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Der Schritt in Richtung einer Erwerbstätigenversicherung ist der Richtige. 

Alexandra Agnau
Frau Glänzer, wie bewerten Sie die Positionen der Linkspartei zu Rentenfragen? Stimmen Sie zu dass die Riesterrente gescheitert ist?

Edeltraud Glänzer
Wenn wir uns die Forderungen der Partei die LINKE anschauen, können wir festhalten, dass vieles davon unrealistisch weil nicht finanzierbar ist, z.B. nach 40 Jahren Beitragszahlungen mit 60 Jahren in Rente zu gehen und perspektivisch die Rente mit 60 Jahren für alle.

Ute W. aus Lu
Hallo Edi, wie schätzt du die Chancen ein mit der Teilrente. Wann wird es da etwas geben was das Ganze attraktiv machen kann. Denn belastete Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen brauchen Lösungen vor dem 65 Lebensjahr. Liebe Grüße Ute

Edeltraud Glänzer
Mit dem Flexirentengesetz, das am 1.1.2017 gerade in Kraft getreten ist, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan. Die Inanspruchnahme einer Teilrente ist aber erst ab dem 63ten Lebensjahr möglich. Deshalb bleiben wir dabei, wir wollen den Übergang in die Rente flexibler gestalten, insbesondere für stark belastete Vollkonti-Schichtarbeiter/-innen. Wir bleiben am Ball. 

Kurt
Ich hab lang gut verdient bei der Anilin dank Tarif. Nächst Jahr geh ich in Pension und werd die Welt bereise. Aber mein Nachbar hat bei der Stadt gschafft dem bleibt nich mal ein Drittel wie mir fürs Alter. Warum ist des so ungrecht? Eine gute Pension für alle, des wär was! Eine Basis. Und wer mehr möcht, der kann ja obenuff einzahle.

Edeltraud Glänzer
Ich freue mich über ihre Planungen ab nächstes Jahr die Welt zu bereisen und würde mich über regelmäßige Postkarten freuen. Nun aber ernsthaft zu ihrer Frage. Eine lebensstandardsichernde Altersversorgung ist nur durch eine Kombination von gesetzlicher und betrieblicher Altersversicherung erreichbar. Damit dies möglichst vielen Menschen zu Gute kommt, haben wir uns dafür stark gemacht, dass das Betriebsrentengesetz zügig verabschiedet wird und somit mehr Menschen für ihr Alter vorsorgen können, insbesondere Frauen, geringer Verdienende und Beschäftigte in kleineren und mittelständischen Unternehmen. 

user
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Edeltraud Glänzer
Leider ist die Zeit schon vorbei. Es war interessant und spannend. Bei weiteren Fragen und Anregungen könnt ihr euch gerne an uns wenden, am liebsten als Mitglieder der IG BCE. Ich wünsche allen einen schönen Abend. 

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