Chat mit Petra Reinbold-Knape

Wir brauchen eine neue Bildungsagenda

Digitalisierung ist in unseren Schulen und Universitäten ein großes Thema. Im Live-Chat mit Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, stellten die Nutzer viele Fragen dazu, aber auch zur Förderung von Jugendlichen und dem Anspruch von Bildungsurlaub. Eine Auswahl der Fragen und Antworten findet sich im folgenden Chat-Protokoll.

Stefan Koch

Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE

Petra Reinbold-Knape
Ein fröhliches Hallo in die Runde der Bildungsinteressierten! Ich freue mich, dass ihr da seid. Eine Menge Fragen sind schon angekommen Leider könnt ihr mich aufgrund von technischen Problemen nicht sehen, aber ich lese eure Frage aufmerksam und die 90 Minuten laufen jetzt.

Quint
Was bedeutet "Neue Bildungsagenda" für Sie?

Petra Reinbold-Knape
Eine Gesellschaft, die ihre Bildung vernachlässigt, gibt ihre demokratischen Wurzeln preis – Bildung ist für uns hier von fundamentaler politischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Gute Bildung von Beginn an ist der wichtigste Schlüssel für den erfolgreichen Einstieg und hilft bei den künftigen Beschäftigungschancen. Die Arbeitswelt der Zukunft braucht andere Qualifikationen, als wir sie heute kennen. Darauf müssen wir vorbereitet sein und deshalb brauchen wir eine neue Bildungsagenda, sprich eine neue Bildungsgeschichte für Deutschland. 

Alexa
Wieso ist es immer noch nicht möglich dass man eine bundesweite Initiative für digitale Schulen durchsetzt? Im Jahr 2017!

Petra Reinbold-Knape
Sie haben völlig recht, wir befinden uns zwar im 21. Jahrhundert, aber schultechnisch zum Teil noch im letzten Jahrhundert. Letztes Jahr gab es kurz vor der NRW-Wahl durch die Bildungsministerin Frau Wanka Zusagen, 5 Milliarden Euro in die Digitalisierung der Schulen und Universitäten zu investieren. Bis heute sind die aber nicht vor Ort angekommen - und das ist der Skandal: mit offenen Augen zusehen, wie notwendige Änderungen immer weiter aufgeschoben werden. Mich macht das wütend. Wir werden die neue Bundesregierung daran messen, wie schnell sie zu guten Lösungen kommt, die dringend nötig sind. 

Marco
In welchen konkreten Punkten sollte sich eine neue Bildungsgende von der bisherigen unterscheiden?

Petra Reinbold-Knape
Wir müssen mehr Geld in die Bildung stecken, in der Gesellschaft und im Betrieb. Bei den Schulen: Es gibt einen Investitionsstau für Bau- und Sanierungsmaßnahmen von rund 34 Milliarden Euro, da müssen wir ran. Das hilft auch, unsere Berufsschulen besser auszustatten. Nur, wo es gute Lernumgebungen gibt, lernt man auch mit Freude und Lust. ...
... In den Betrieben: Wir werden mit unseren Betriebsräten Initiativen zur betrieblichen Weiterbildung auf den Weg bringen. Dasselbe gilt für die Ausbildung, dort haben wir mit unseren Tarifverträgen schon gute Wege beschritten. 

Klausi
Was versprechen Sie sich von neuer Bildung? Die Inhalte bleiben doch zB im Handwerk die gleichen oder nicht

Petra Reinbold-Knape
In unseren Betrieben verändern sich die Anforderungen an die Berufe ständig. Das heißt aber nicht, dass alle Inhalte komplett verändert werden. Zukünftig sind in allen Berufen drei Kompetenzen wichtig: IT-Kenntnisse, Kompetenzen zur Prozess-Steuerung und komplexen Problemlösung und vielfältige soziale Fähigkeiten. 

Mich
Meiner Meinung nach gehört die Bildungspolitik und Regelung nicht auf Länderebene, sondern ist auf Bundesebene zu entscheiden und zu regeln. Aus meinen persönlichen Erfahrung während meiner Schulzeit (SH, BW; Bayern und zum Schluss NRW) hat Bayern das beste Bildungssystem und dieses sollte auch länderübergreifend genutzt werden. Es kann nicht sein, dass später in den Betrieben die Versäumnisse aus den staatlichen Bildungssystemen nachgeholt werden müssen. Das bevölkerungsreichte Bundesland hat aus meinen Erlebnissen das schlechteste System.

Petra Reinbold-Knape
Sie haben ja aus eigener Erfahrung einen guten Einblick in unser Schulsystem! Und ja: Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss weg. Gute Bildung zeichnet sich durch eine gute Schulausstattung, motivierte und qualifizierte Lehrer/innen und durch bundesweit hohe und pädagogisch moderne Lernstandards aus. Allein Verantwortung zu zentralisieren ist nicht die Lösung, sondern voneinander lernen in einem gesunden Wettbewerb um die besten Lernkonzepte ist ratsam. Bayern und Baden-Württemberg schließen bei bundesweiten Lernstandard-Tests zwar gut ab, in Fragen Chancengerechtigkeit sind sie aber oft nicht an der Spitze. So gibt es nur für 15 % der Schüler in Bayern Ganztagsangebote. 

Ralf Misch
Gefühlt fehlt es in der Bildung überall an Geld, ob an Schulen, Berufsschulen oder Universitäten. Einige Parteien schlagen jetzt vor das Kooperationsverbot aufzuheben, damit der Bund den Ländern direkt helfen kann. Ist das Sinnvoll?

Petra Reinbold-Knape
Ja: Land und Kommunen werden die immensen Bildungsinvestitionen, die fehlen, nicht schultern können. 34 Milliarden Euro fehlen und müssten investiert werden. Wir können uns ein Gerangel zwischen Bund und Land nicht länger leisten. 

Apfelkuchen
Lebenslanges Lernen? Warum das? In meiner Ausbildung habe ich doch alles Wichtige für meinen Beruf gelernt.

Petra Reinbold-Knape
Wichtige technische Handgriffe und der berufliche Umgang miteinander veralten nicht, da hast du recht. Aber die Halbwertzeit von Wissen wird immer kürzer. Wir wissen, dass nach 10 Jahren mindestens die Hälfte des Erlernten veraltet ist und wir wissen, dass abhängig von der Qualifikation das Risiko, arbeitslos zu werden, steigen kann. 

Suse
wer muss denn gefördert werden, damit auch in strukturschwachen regionen mehr azubis wieder da sind? das land oder die einzelnen betriebe oder die kommunen?

Petra Reinbold-Knape
Vor allem die Jugendlichen! 14 % der jungen Menschen in Deutschland haben keinen Berufsabschluss, 6 % keinen Hauptschulabschluss. Unternehmen müssen unserer Initiative "Start in den Beruf" mehr Rechnung tragen. Kommunen müssen Jugendliche ohne Perspektive stärker in Ausbildungsprojekte einbeziehen. Jugendberufsagenturen weisen hier den richtigen Weg der zielgerichteten Beratung. In strukturschwachen Regionen brauchen wir eine gemeinsame Aktion aller an Ausbildung Beteiligter: Handwerk, Industrie, Schule, Eltern, Kommunen – und die Jugendlichen. Und das Wichtigste: Wir brauchen Arbeitsplätze und damit Chancen für die jungen Leute.
Bunt96
Die Ausbildung in den Berufsschulen scheint mir gern vergessen zu werden. Die ist doch kein Stück besser als die allgemeinbildenden Schulen. Dabei könnten hier doch die Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden. Welche Partei hat das überhaupt auf dem Schirm?

Petra Reinbold-Knape
Ganz sicher vergessen wir die Berufsschulen nicht! Unsere Jugend- und Auszubildendenvertretungen vor Ort weisen immer wieder auf Missstände hin. Und ja: Unternehmen müssen hier aktiver sein und vom Staat auch dazu aufgefordert werden. Wir legen hier den Finger in die Wunde, allerdings tun sich einige Schulen schon auch recht schwer mit Kooperationen. 

Gregor68
Was sind Jugendberufsagenturen? Wenn ich sehe, dass Agentur für Arbeit immernoch mit dem BIZ wirbt, wird mir ganz anders. Da musste ich vor 20 Jahren auch schon hin und es war schon damals so altbacken.

Petra Reinbold-Knape
Die Jugendberufsagenturen sind eine gemeinsame Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit und der Jobcenter, die in die Schulen gehen und dort aktive Werbung für die duale Ausbildung machen. Wir haben in verschiedenen Bundesländern – in Hamburg und Nordrhein-Westfalen – sehr gute Erfahrungen gemacht. Das System ist nicht altbacken, das Neue daran ist, dass verschiedene Akteure zusammenarbeiten: Behörden, Unternehmen und Schulen. Und manchmal ist der Fortschritt eine Schnecke ...

Azubi
Wenn ihr die betriebliche Ausbildung stärken wollt, dann verhandelt Übernahmegarantien. Wer einen Job sicher weiß, der fängt auch gerne eine Ausbildung an!

Petra Reinbold-Knape
Machen wir, z. B. in der Chemieindustrie. In unseren Verhandlungen mit den Arbeitgebern machen wir immer deutlich, dass die Frage der Attraktivität von Ausbildung eng mit der Übernahme in Zusammenhang steht, vor allem bei zunehmendem Fachkräftemangel. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Arbeitgeber immer noch glauben, dass sie ihre Fachkräfte auf dem freien Markt bekommen und nicht über eigene Ausbildung mit Übernahmeangebot. 

Chemical Brother
In der beruflichen Weiterbildung muss Digitalisierung endlich Thema werden. Was fordert die BCE denn hier?

Petra Reinbold-Knape
Digitale Bildungsansätze bieten völlig neue Möglichkeiten des Lernens. Was Arbeitnehmer/innen brauchen, ist der technische Zugang, Zeit und Klarheit über die Finanzierung. Und es muss möglich sein, über den beruflichen "Tellerrand" zu schauen. Also nicht nur "Training on the Job". Deshalb werden wir in unseren Tarifverträgen und in den betrieblichen Regelungen mit unseren Betriebsräten hier Möglichkeiten schaffen. 

Klapa
Berufliche Weiterbildung ist doch ein Phantom. Eine Broschüre, die mir einmal im Jahr auf den Schreibtisch gelegt wird. Ich habe noch nie etwas davon genutzt. Warum gibt es nicht so etwas wie einen Weiterbildungsberater?

Petra Reinbold-Knape
Betriebsräte werden hier aktiv und wir von der IGBCE bieten hier seit vielen Jahren Instrumente zur Kompetenzentwicklung an. Auch unsere Tarifverträge fördern individuelle Weiterbildung im Beruf. Hilfreich ist auch, dass die Bundesagentur für Arbeit eine lebensbegleitende Berufsberatung derzeit aufbaut. Und als Letztes: Wir brauchen dringend ein bundesweites Erwachsenenweiterbildungsgesetz als Unterstützung für die Arbeitnehmer. 

Chrissi
Wieso ist das mit dem Bildungsurlaub so kompliziert? Immer, wenn ich wa ssuche, muss ich erst schauen was in meinem Land geht. Dann, wie ich das genehmigt kreig und dann von meinem Chef anmachen lassen, dass ich das ja wohl nicht nötig habe.

Petra Reinbold-Knape
Ja, Chefs und durchaus auch Kollegen/Kolleginnen sind leider manchmal nicht begeistert, wenn man fehlt; aber Bildungsurlaub ist dein gutes Recht! Bildungsurlaub ist immer auch politische Weiterbildung, deshalb fordern wir auch, dass Bildungsurlaub in allen Bundesländern (auch Sachsen und Bayern) angeboten wird. 

d_gaertner
Hallo, ich habe eine Frage zum Thema Bildungsurlaub, ich hoffe das passt hier rein. Wie kann ich in einem kleinen Unternehmen ohne Betriebsrat (Handwerk) meinen Anspruch auf Bildungsurlaub durchsetzen? Mein Chef lässt durchblicken dass er dafür kein Verständnis hat und es für meine Anstellung ernsthafte Konsequenzen hätte wenn ich darauf beharre. Wie muss ich mich verhalten?

Petra Reinbold-Knape
Rechtlich ist es so, dass der Arbeitgeber aus betrieblichen Gründen einmal ablehnen kann, danach muss er den Bildungsurlaub gewähren. Trotzdem würde ich das Gespräch mit deiner IGBCE vor Ort vorher führen, damit Konflikte im Betrieb begleitet werden können. Mehr Informationen findest du unter: www.igbce.de/themen/bildung/bildungsurlaub-kampagne-dgb-bildungsurlaub-hinterher-ist-man-immer-klueger/124620

Lukas
Wie schätzen Sie den Service ein, der derzeit Langzeit-Arbeitslosen angeboten wird? Sind das nicht alle Tropfen auf den heißen Stein?

Petra Reinbold-Knape
Das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit ist nicht einfach zu lösen, hier kommen oft viele Faktoren zusammen, die berücksichtigt werden müssen. Fehlende Qualifizierungen müssen passgenauer angeboten werden, die Langzeitarbeitslosen müssen mit Priorität in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Wo dies nicht möglich ist, befürworten wir einen sozialen Arbeitsmarkt. 

Heike S.
Liebe Frau Reinbold-Knape, was tut denn die IB BCE für die Förderung von Nachwuchs?

Petra Reinbold-Knape
Die IGBCE bildet in mehreren Berufen selbst aus. Wir profitieren enorm von den jungen Menschen. In allen Betrieben müssen Eltern die Möglichkeit haben, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen. Darum setzen wir uns tarifpolitisch und betrieblich für alle Varianten der Teil- und Elternzeit ein. Dafür ist es aber zum Beispiel auch wichtig, ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit gesetzlich zu garantieren. Betrieblich müssen die Unternehmen noch mehr den Tarifvertrag "Start in den Beruf" nutzen, damit Jugendlichen eine Perspektive auf einen Ausbildungsplatz ermöglicht wird. 

A2B2
Welche Anreize wünschen sie sich damit mehr leute azubis werden und nicht studenten?

Petra Reinbold-Knape
Wir müssen den Wert der dualen Berufsausbildung hervorheben, zum Beispiel durch unbefristete Übernahme, zum Beispiel durch assistierte Ausbildung und durch Entwicklungsperspektiven im Beruf. Die Welt beneidet Deutschland um seine duale Berufsausbildung. 

Kiki
was sagen sie zur bildungspolitik von der groKo? welche forderungen der IG BCE sind realisiert worden?

Petra Reinbold-Knape
Die Bundesregierung und die Länder haben sich 2008 für das Jahr 2015 Bildungsziele gesteckt. Es wurde die Bildungsrepublik ausgerufen. Heute können wir sagen, dass längst nicht alle Ziele erfüllt wurden: Zum Beispiel sollte die Quote der jungen Erwachsenen ohne abgeschlossene Berufsausbildung halbiert werden. Das Ziel wurde weit verfehlt: 1,4 Millionen junge Erwachsene haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. 

Paul
Wenn ich meine älteren Kollegen so sehe - da ist mit IT-Bildung nicht mehr viel zu holen. Warum sollte man nicht akzeptieren, dass der Zug da abgefahren ist und die Kollegen einfach ihren Job so gut es geht machen lassen statt sie einmal im Jahr auf eine Alibi-Fortbildung für Word zu schicken? 

Petra Reinbold-Knape
Wir wissen, dass das Lernen von digitalem Wissen bzw. der Zugang zu Computer und Internet absolut nichts mit dem Alter zu tun haben. Ich kenne da viele Kolleginnen und Kollegen, die am Computer wirklich fit sind und keine Berührungsängste bei neuen Technologien haben. Lernteams von Jung und Alt können auch hier hilfreich sein. 

Borsigplatz09
Von der Bildung hängt doch auch ab, dass das mit der Digitalisierung klappt. Aber wie soll das gehen, wenn es viele Kollegen gibt, die noch nicht mal unfallfrei Englisch sprechen?

Petra Reinbold-Knape
Man muss kein Englisch können, um bei der Digitalisierung dabei zu sein. Ich finde es oft vermessen, wenn in unseren Betrieben zunehmend vorausgesetzt wird, Englisch als Arbeitssprache zu akzeptieren, ohne gleichzeitig dafür eine vernünftige Ausbildung zu bekommen. Hier muss den Arbeitnehmern Zugang zu Fremdsprachenangeboten ermöglicht werden. 

Hans H
Anfang des Jahres hat die IGBCE eine Bildungsoffensive zur Digitalisierung gefordert. Dazu habe ich lange nichts mehr gehört, was ist daraus geworden?

Petra Reinbold-Knape
Wir führen viele Gespräche mit politischen Parteien und den Ministerien, damit nach der Wahl endlich was passiert. Anhand der Wahlprogramme können wir ablesen, welche Forderungen die einzelnen Parteien angenommen haben bzw. erfüllen wollen. Unser Hauptaugenmerk ist der Betrieb und wir wollen eine Bildungsoffensive von innen starten. Davon werdet ihr hören – ganz sicher.
Das ging aber schnell und noch nicht alles ist beantwortet – schade. Vielen Dank für eure Fragen und eure Zeit. Uns war es wichtig, deutlich zu machen, was uns als IGBCE mit Blick auf die Bundestagswahl bewegt. Das war jetzt der letzte Wahlchecker vor der Wahl am Sonntag. Wir haben uns an vier Abenden als Wahlchecker betätigt zu verschiedenen Themen. Zwei Ergebnisse nehmen wir mit: Es hat Spaß gemacht! Und: Die Menschen in der IGBCE wollen ihre Themen in die zukünftige Politik eingebracht wissen. Jetzt gilt es: Wählen gehen! In diesem Sinne, alles Gute und Glück Auf!

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